Apr
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Orchesterwerke von Paul Kletzki auf CD

Autor // Matthias Hain
Veröffentlicht in // Aufnahmen

Die Musikgeschichte ist voller Komponisten, deren Namen der Vergessenheit anheim gefallen sind und deren Werke folglich im Konzertleben keine Rolle spielen – häufig zu Unrecht, wie sich am Falle des Schweizer Komponisten polnischer Herkunft Paul Kletzki (1900-1973) nun in einer Aufnahme mit den Bamberger Symphonikern – Bayerische Staatsphilharmonie nachhören lässt. Unter der Leitung von Thomas Rösner sind “die Bamberger” mit den Orchestervariationen op. 20 und der dritten Symphonie op. 31 zu hören – Werke, die nicht nur wegen ihres musikalischen Einfallsreichtums, sondern auch wegen Kletzkis tragischer Lebensgeschichte – einem Spiegelbild des 20. Jahrhunderts – aufhorchen lassen.

Pawel Klecki wurde am 21.3.1900 in Polen geboren, verließ mit 21 Jahren seine Heimat, ging nach Berlin – und nannte sich fortan Paul Kletzki. Zeitgenossen bezeichneten ihn lebenslang als einen der führenden Dirigenten seiner Generation, auch wenn er sich selbst als Komponist verstand. Seine Werke – Klaviermusik, Kammermusik, Lieder und Orchesterwerke – wurden von den wichtigen Verlagen veröffentlicht und von bedeutenden Orchestern und Dirigenten, z.B. dem Gewandhausorchester unter Wilhelm Furtwängler, aufgeführt. Als polnischer Jude geriet er im nationalsozialistischen Deutschland in Lebensgefahr und hatte keine andere Wahl, als zu emigrieren – zunächst nach Italien, dann in die Schweiz, die seine dritte Heimat werden sollte und deren Staatsbürgerschaft er 1947 annahm. Zu jenem Zeitpunkt war er als Komponist bereits verstummt und hatte auch keine Hoffnung, seine bis dahin entstandenen Werke jemals wieder aufgeführt zu sehen. Denn die Notenausgaben seiner Kompositionen waren von den Nationalsozialisten vernichtet worden, und seine Partituren hatte er auf der Flucht aus Italien in einer Kiste im Keller eines Mailänder Hauses zurückgelassen, das im Krieg zerstört wurde. In den 1960er Jahren jedoch wurde eben jene Kiste bei Bauarbeiten wieder entdeckt. Aus Furcht, die darin befindlichen Notenblätter könnten zerstört sein, ließ Kletzki jene Kiste zeitlebens verschlossen. Erst nach seinem Tod öffnete Kletzkis zweite Frau die Truhe, und zum Vorschein kamen seine Partituren – unversehrt.

Seine Orchestervariationen op. 20 sind ein Frühwerk und stehen einerseits ganz in der Tradition der Spätromantik, zeigen jedoch durchaus eigenständige Charakteristika, die teilweise bis an die Grenzen der Tonalität gehen. Seine dritte Symphonie op. 31 entstand 1939 und trägt den Titel “In Memoriam”. Ob Kletzki mit diesem Titel auf sein eigenes Leben, auf das Schicksal der Juden in Deutschland oder auf die deutsche Musiktradition selbst Bezug nahm, der er mit der Verwendung von “typisch deutschen” Formen wie Fuge und Sonatenhauptsatzform hier zu huldigen scheint, ist unklar. Doch auch in ihr spricht Kletzki eine eigene Sprache voller Energie und emotionaler Wucht, die die schreckliche Entstehungszeit des Werkes widerspiegelt.

Paul Kletzki
Orchestervariationen op. 20 (Ersteinspielung)
Symphonie Nr. 3 op. 31 “In Memoriam”

Bamberger Symphoniker – Bayerische Staatsphilharmonie
Thomas Rösner | Dirigent

Erschienen bei Musiques Suisses, entstanden in Kooperation mit dem Bayerischen Rundfunk.

Bestellnummer MGB CD 6272

(Quelle: Chris Walton)

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