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“Ein Tanz auf Rasierklingen” – Die neue CD der Bamberger Symphoniker mit Gustav Mahlers 7. Symphonie

Autor // Torsten Blaich
Veröffentlicht in // Allgemein, Aufnahmen, Gustav Mahler

Es ist ein Projekt, das mittlerweile zu einer ungeahnten Erfolgsgeschichte geworden ist: die Aufnahme sämtlicher vollendeter Symphonien von Gustav Mahler durch die Bamberger Symphoniker unter der Leitung ihres Chefdirigenten Jonathan Nott. Die in Koproduktion mit dem Bayerischen Rundfunk und dem Label Tudor entstandenen Einspielungen wurden über die Jahre hinweg immer wieder mit euphorischen Kritiken bedacht und mit Preisen überhäuft. Sechs von Mahlers neun Symphonien wurden bereits veröffentlicht. In diesen Tagen kommt eine weitere Einspielung auf den Markt: die rätselhafte siebte Symphonie.

Gustav Mahler ließ es sich nicht nehmen, immer wieder auf den besonderen, “ansprechenden” Charakter seiner siebten Symphonie hinzuweisen, einer Symphonie, die sich in der Tat weit weniger sperrig, düster und unbequem präsentiert, als es noch die vorausgehende Sechste getan hatte. “Es ist mein bestes Werk und vorwiegend heiteren Charakters”, war sich Mahler sicher. Anders als bei Anton Bruckner, dem gut 20 Jahre zuvor mit seiner siebten Symphonie (in E-Dur) der endgültige Durchbruch gelungen war, erreichte Mahlers Siebte (in e-Moll) indessen nie den Popularitätsgrad, der den anderen seiner Symphonien zukommt. Komponiert in Maiernigg am Wörthersee, erfolgte ihre Uraufführung 1908 in Prag: ein Achtungserfolg, nicht mehr.

Chefdirigent Jonathan Nott (© Thomas Müller)

Chefdirigent Jonathan Nott (© Thomas Müller)

Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein sollte Mahlers Siebte im Musikschrifttum äußerst umstritten bleiben. Anstoß nahm man insbesondere am Finale, das sich mit seinem scheinbar ungebrochenen Dur-Überschwang so gebärdet, als habe es die vorangegangenen Sätze, die in ganz andere Ausdruckssphären vordringen, gar nicht gegeben. Von der typisch Mahler’schen Skepsis gegenüber dem Schicksal, vom “Jammer der Erde” keine Spur. Paradoxerweise sorgte der gelöste Charakter des Schlusssatzes, seine von vornherein positive Ausrichtung, für größere Verunsicherung unter den Mahler-Anhängern, als es die Tragik der Sechsten oder die resignative Wucht der Fünften getan hatten. Kaum denkbar ist nun allerdings, dass Mahler dieser innere “Bruch” des Werkes entgangen sein könnte; eher schon darf man annehmen, dass ein solcher bewusst einkalkuliert war. Die Siebte ist Mahlers letzte vollendete Symphonie, die fünf Sätze umfasst, und genau diese Fünfsätzigkeit wiederum war die Voraussetzung dafür, das Werk buchstäblich auf ein Zentrum ausrichten zu können. Etwas überspitzt kann man sagen, dass die “entscheidenden” Sätze der Siebten nicht die Ecksätze, sondern die drei Mittelsätze sind. Zwischen den beiden “Nachtmusiken” – surrealer Tanz am Abgrund die eine, zarte romantische Serenade die andere – steht in zentraler Position der dritte Satz, ein Scherzo, das von Mahler mit der Spielanweisung “schattenhaft” in seinem Ausdrucksgehalt überaus treffend bezeichnet ist: ein spukhaft-grotesker, unheimlicher Reigen, durchzogen von abgründigen Walzerrhythmen, wie ein Tanz auf Rasierklingen.

Mahlers Siebte lebt in ihrem Innersten vom fundamentalen Gegensatz zwischen Tag und Nacht, zwischen Licht und Dunkel, zwischen unbeschwerter Helligkeit und grauenhafter Finsternis. Ausgangspunkt dieses Gegensatzes ist der erste Satz, der mit einem grellen “Jammerschrei” des Tenorhorns beginnt. Zusammen mit dem lärmenden “Jubelfinale” bildet er die Außenseite einer Folge von drei im wahrsten Sinne des Wortes “abseitigen” Charakterstücken, die umso mehr eine ganz eigene Welt verkörpern. Der Kontrast zwischen Innen und Außen der Symphonie könnte größer nicht sein und war ganz offensichtlich Teil der grundlegenden Konzeption des Werkes.

Gustav Mahler
Symphonie Nr. 7 e-Moll

Bamberger Symphoniker – Bayerische Staatsphilharmonie
Jonathan Nott | Dirigent

Eine Koproduktion mit dem Bayerischen Rundfunk und TUDOR.

Bestellnummer TUDOR 7176

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