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“Der Taktstock” im Fernsehen

Autor // Matthias Hain
Veröffentlicht in // Allgemein

Was macht eigentlich ein Dirigent? Sein Job ist ja ziemlich einzigartig. Jeder weiß natürlich, was ein Dirigent macht: Er fuchtelt mit den Händen. Aber wozu braucht ein Orchester einen Dirigenten? Kann es nicht auch ohne Dirigent spielen? Die Antwort gibt ein humorvoller, experimenteller Dokumentarfilm, der in die komplexe Welt der großen Kunst des Dirigierens eintaucht und sie verständlich macht: “Der Taktstock” von Michael Wende. Im Jahr 2010 begleitete der junge Regisseur mit seinem Kamerateam den Bamberger Symphoniker Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerb und verarbeitete seine Eindrücke zu diesem unkonventionellen Film, der in kürzester Zeit bereits ein halbes Dutzend nationaler und internationaler Preise erhalten hat, darunter den Publikumspreis bei Europas größtem Studentenfilmfestival “sehsüchte 2011″ in Berlin oder den Student Award beim U.S. International Film & Video Festival in Kalifornien. Am Donnerstag, den 27. Oktober 2011, wird “Der Taktstock” nun erstmals ausgestrahlt: um 23.40 Uhr im Bayerischen Fernsehen.

Michael Wende (© A. J. Mellor)

Michael Wende (© A. J. Mellor)

Lieber Herr Wende, wie kommt man auf den Gedanken, als Diplomarbeit einen Film über einen Dirigentenwettbewerb zu drehen?

Ich habe Medientechnik studiert und mich spezialisiert auf Film- und Videodesign. Die Aufgabenstellung der Hochschule für die Diplomarbeit lautete: eine theoretische Abhandlung über hundert Seiten und einen Film als praktische Arbeit. Dabei war es egal, ob es ein Dokumentarfilm oder Science fiction oder eine Animation ist. Ich hätte es mir also leicht machen können, aber ich wusste, dass ich es danach nur umso schwerer haben würde, wenn ich mit meiner Arbeit auch etwas für mich erreichen und den Film später als “Visitenkarte” präsentieren möchte. Ich wollte also keinen Film drehen wie 200 andere, sondern etwas Besonderes machen. Nicht um aufzufallen, sondern weil ich es selbst langweilig gefunden hätte. Daher wollte ich einen großen Dokumentarfilm drehen. Nur das Thema fehlte mir noch. Ich suche immer gern “große” Themen, für die ich ein gewisses Halbwissen mitbringe, das ich dann durch den Film zum “Vollwissen” mache. Ich bin zwar ein wenig mit Musik aufgewachsen, war aber doch erst vor ca. 6 Jahren das erste Mal in einem klassischen Konzert. Als da zu Beginn der Dirigent die Bühne betrat, fragte ich mich, warum eigentlich das Publikum bereits klatscht. Der Dirigent hat ja noch nichts gemacht. Irgendwann merkte ich, dass die Frage gar nicht so naiv ist: Was macht eigentlich ein Dirigent? Ich glaube, dass viele Menschen darauf wie ich nur halbwegs eine Antwort wissen, aber gern genau Bescheid wüssten. Und damit hatte ich mein Thema: Ich wollte einen Film über Dirigenten machen. Aber wie? Als ich eines Tages wieder einmal mit meiner Mutter telefonierte, die in der Nähe von Bamberg wohnt, erwähnte sie beiläufig im Gespräch den Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerb der Bamberger Symphoniker. Und da war plötzlich alles klar. Natürlich, der Dirigentenwettbewerb! Wieso nicht gleich? An zehn Tagen habe ich da alle beisammen: ein Weltklasse-Orchester, eine internationale Jury und die internationalen Nachwuchsdirigenten, an deren Beispiel man dem Zuschauer erklären kann, warum der eine in die nächste Runde kommt und ein anderer es nicht schafft. Daran kann man fantastisch zeigen, was “Dirigieren” bedeutet.

Wie ging es dann weiter?

Ich habe beim Intendanten der Bamberger Symphoniker Wolfgang Fink um einen Termin gebeten und meine Idee vorgestellt. Herr Fink fand meine Idee im Grunde sehr schön, hatte aber eine glasklare Bedingung: Ich müsste beim Wettbewerb sozusagen Luft sein. Denn mein Team und ich durften den Ablauf natürlich auf gar keinen Fall stören. Ich konnte ihm dies zusichern – und bekam sein Ok.

Wie war die Zusammenarbeit mit dem Orchester, den Wettbewerbsteilnehmern und den Juroren?

Es waren zehn unglaublich intensive Tage. Ich hatte zwar einen genauen Terminplan, wann welcher Wettbewerbs-Teilnehmer an der Reihe war, aber man kann in so einer angespannten Atmosphäre natürlich nicht planen, zu welcher Zeit man mit wem sprechen kann. Alle Beteiligten stehen da unglaublich unter Strom, denn für die jungen Dirigenten geht es ja um alles. Man musste also schon sehr sensibel vorgehen und zum Beispiel nicht gleich einem Teilnehmer die Kamera vor die Nase halten, nachdem er erfahren hat, dass er rausgeflogen ist. Auch das Orchester und die Jury – in der ja Stars wie Jonathan Nott oder Herbert Blomstedt vertreten waren! – sind eigentlich nicht dazu da gewesen, meine Fragen zu beantworten. Aber alle waren überaus freundlich und kooperativ, obwohl wir die Drehs vorher nicht proben konnten.

Das hört sich nun sehr nach Improvisation an, denn Sie konnten ja nicht mit einer fertigen Film-Dramaturgie im Kopf an die Sache herangehen, sondern mussten „nehmen, was Sie kriegen konnten“.

Fast richtig. Eine Dramaturgie war gegeben, nämlich der Wettbewerb. Es gibt keine schönere! Ich musste eben “nur” die richtigen Bilder dazu einfangen, was nicht ganz einfach war. Ich war vorher ein oder zwei Mal in der Konzerthalle und wusste, wo ich meine Kameras aufstellen konnte. Aber während des Wettbewerbs durften wir nicht umherlaufen, sondern nur zoomen und schwenken.

Welches Publikum hatten Sie im Kopf, als Sie den Film drehten?

Eine interessante Frage. Tatsächlich wollte ich immer einen Film für ein Publikum machen und nicht nur für meine Hochschule. Ich wollte auch keinen klassischen Dokumentarfilm drehen. Also: Wem und vor allem wie erkläre ich die sehr komplexe Welt des Dirigierens? Ich wollte sowohl diejenigen ansprechen, die sich schon etwas damit auskennen und also vertieft zuhören, als auch die anderen, die keine Affinität zu klassischer Musik haben. Stellen Sie sich einfach einen Film über das Dirigieren vor – auf MTV! Bei einem so großen, komplexen Thema muss man etwas erfinden, damit der Film nicht zu „schwer“ wird…

…und da kamen Sie auf die Idee mit der Animations-Figur…

Genau, der “Taktstockbauer”. Er ist sozusagen der Conférencier, der durch den Film führt. Inzwischen heißt er inoffiziell “Herbie”, wegen Herbert Feuerstein, der ihm seine Stimme leiht. Er prägt den Film auch ästhetisch und gibt ihm die Dynamik, die ihn so besonders macht. Dabei ist er eigentlich die Anti-Figur, die den Film ständig “ausbremst”. Nach außen ist er grimmig, aber in seinem Innersten ist er ein lieber Kerl, der eigentlich nur eines wissen will: Hat das, was er macht – nämlich Taktstöcke für Dirigenten bauen – überhaupt einen Sinn? Das wäre nicht der Fall, wenn Dirigenten überflüssig wären. Und dies ist die große Frage, um die sich der Film dreht und die sich auch der Taktstockbauer immer wieder stellt: Wozu braucht die Welt eigentlich Dirigenten? Insofern ist er das personifizierte Publikum. Er stellt die Fragen, die auch der Zuschauer stellt. Dass ich damit richtig lag, wurde mir klar, als der Film in Berlin eben genau die entsprechende Auszeichnung erhielt – den Publikumspreis.

Ist die Figur des Taktstockbauers reine Fiktion?

Nein, er ist inspiriert von mehreren Personen. Zunächst von einem tatsächlichen Taktstockbauer in Augsburg, Ralf Seidel, der nur im Nebenberuf Taktstöcke herstellt und eigentlich mit klassischer Musik gar nicht so viel anfangen kann. Dann natürlich von mir selbst. Das erwähnte “Halbwissen” – und auch den Humor – hat die Figur von mir. Und schließlich Herbert Feuerstein, der nicht nur dem Taktstockbauer seine Stimme leiht, sondern die Figur selbst noch einmal entscheidend geformt hat, als ich den Text zusammen mit ihm eingesprochen habe.

Herbert Feuerstein (© Michael Wende)

Herbert Feuerstein (© Michael Wende)

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Herbert Feuerstein?

Ich suchte eine Stimme, die bekannt ist. Mein Chef brachte dann Herbert Feuerstein ins Gespräch. Ich kannte ihn vorher nicht persönlich, fand es aber toll, dass er Musik studiert hat und häufig klassische Konzerte moderiert. Da er auch schon vorher einige Diplomarbeiten unterstützt hatte, sprach ich ihn an und er sagte sofort zu. Die Arbeit mit ihm machte unglaublich viel Spaß, obwohl er sich eigentlich unwohl fühlt, wenn er “auf schwarz” sprechen muss, also ohne die Figur zu sehen. Aber dadurch konnte ich die Animation ganz genau nach seinem Sprachduktus gestalten. In einem Interview hat er dann zugegeben, dass er vom Ergebnis sehr angetan war – und von jemandem wie Herbert Feuerstein ein Lob zu bekommen, ist natürlich der Wahnsinn!

Lob für den Film gibt es ja von vielen Seiten. Sie haben mittlerweile ein halbes Dutzend Preise erhalten und sind für etliche weitere schon nominiert, die Kritiker sprechen von Ihrer sehr eigenen, außergewöhnlichen Handschrift, in einer Jury-Begründung heißt es gar, der “Taktstock” betrete filmsprachliches Neuland. Sind Sie ein frühreifes Genie?

Aber natürlich… (lacht laut)!

“Der Taktstock”, Bayerisches Fernsehen, 27. Oktober, 23.40 Uhr


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