Apr
15

“Im Schweif des Kometen” – Das Bamberger Schubert-Projekt auf CD

Autor // Matthias Hain
Veröffentlicht in // Allgemein, Aufnahmen, Jonathan Nott

Es war das erste große CD-Projekt der Bamberger Symphoniker mit ihrem Chefdirigenten Jonathan Nott: Die Gesamteinspielung der Symphonien Franz Schuberts im Spiegel zeitgenössischer Werke, die ihrerseits auf Schubert Bezug nehmen. Der so entstandene “Dialog mit Schubert”, der ab 2002 mehrere Jahre lang die Aufnahmetätigkeiten der Bamberger Symphoniker beherrschte, liegt nun in einer luxuriösen Box inklusive umfangreichem Booklet vor.

Dass Franz Schubert zu den folgenreichen Innovatoren der Musik zählt und beispielsweise seine große C-Dur-Symphonie oder die “Unvollendete” weit in die Zukunft bis zu Bruckner und Mahler weisen, das hat man erst Generationen nach Schuberts Tod wirklich begriffen. Kein Wunder also, dass sich Komponisten der Gegenwart von Schubert schöpferisch anregen ließen – auf den verschiedensten Wegen und in den verschiedensten Klangwelten, sei es als Verfremdung, als Ergänzung von Skizzen, als rauschhafter Klangexzess gemäß dem großen Vorbild oder als melodisch-filigranes Nachfolgen im Geiste. Jörg Widmann, Wolfgang Rihm, Bruno Mantovani, Dieter Schnebel, Luciano Berio, Aribert Reimann, Hans Werner Henze, Hans Zender und Kurt Schwertsik – sie alle ließen sich von Schubert inspirieren, näherten sich ihm aus völlig unterschiedlichen Richtungen und schufen entsprechend verschiedene Klang- und Ausdruckswelten. Sie alle zeigen, wie “aktuell” der Romantiker Schubert ist, wenn Romantik nicht als biedermeierliche, heile Welt, sondern als Aufeinanderprallen einander widerstrebender Gefühls- und Verstandeswelten begriffen wird.

Kein Wunder auch, dass gerade Jonathan Nott als ehemaliger Leiter des Ensemble Intercontemporain an diesem Ansatz gefallen fand. Schließlich ist neben der Tradition die Offenheit für die Musik der Gegenwart ein zentraler Baustein in Jonathan Notts Selbstverständnis. Schubert durch die Brille zeitgenössischer Werke zu sehen, sei als fliege man “in dem Schweif eines Kometen, dessen Kopf die originale Musik Franz Schuberts ist” (Jonathan Nott).

Nachdem sämtliche Aufnahmen, die in Kooperation mit dem Bayerischen Rundfunk entstanden sind, bislang auf Einzel-CDs verfügbar waren, liegt nun das gesamte Schubert-Projekt in einer aufwändig gestalteten Box vor und ist erschienen beim Label TUDOR.

“Der Schubert von heute…” – Das Schubert-Projekt im Spiegel der Kritik

“Führt das neue Schubert-Bild bei der sogenannten Unvollendeten zu einer Milderung der pathetischen Züge, so schafft es umgekehrt den frühen Sinfonien […] einen Zuwachs an Verbindlichkeit – die Aufnahmen mit Jonathan Nott lassen das sehr schön hören […]. Leichtigkeit muss nicht Beliebigkeit heißen; der transparente Klang kann durch die bewusste Ausgestaltung der Artikulation, durch das Herausarbeiten des Sprechenden in der Musik, vielmehr zu spezifischer Kontur finden. Das wäre dann der Schubert von heute.”
(Peter Hagmann, Neue Zürcher Zeitung, 4. Februar 2011)

“Jonathan Notts Erfahrung auf dem Gebiet der Neuen Musik […] ist es zu einem guten Teil zu verdanken, dass sämtliche Stücke auf vorbildliche Weise und in der ihnen jeweils eigenen Individualität zum Erklingen gebracht werden. Überhaupt scheinen die Bamberger Symphoniker jene paradoxe interpretatorische Haltung aus Unmittelbarkeit und Reflektiertheit, die für das Spielen von Musik über Musik essentiell ist, ganz in sich aufgenommen zu haben.”
(Aron Sayed, klassik.com, März 2011)

“Jonathan Nott et Schubert c’est un échange de sensibilité réussi, une osmose parfaite, un partage de chaque instant […]. Un incontournable à la fois raffiné et exigeant, à l’image de son élaboration hautement perspicace.”
(Jean-Jacques Millo, opus haute definition, März 2011)

“Pour Jonathan Nott, interprète réputé d’un Ligeti ou d’un Boulez, pas de doute: la musique de Schubert est tournée vers l’avenir.”
(Gilles Macassar, Télérama, April 2011)

“Das Bamberger Projekt hat sich seinen Platz in der vorderen Reihe der Schubert-Diskographie redlich verdient.”
(Stephan Schwarz, FonoForum, Mai 2011)

Das Bamberger Schubert-Projekt
Bamberger Symphoniker – Bayerische Staatsphilharmonie
Dirigent: Jonathan Nott

Franz Schubert: Symphonien 1 – 8

Jörg Widmann: Lied für Orchester
Wolfgang Rihm: “Erscheinung”. Skizze über Schubert für 9 Streicher und Klavier ad.lib. (Peter Selwyn, Klavier)
Bruno Mantovani: “Mit Ausdruck” pour clarinette basse et orchestre (Alain Billard, Bassklarinette)
Dieter Schnebel: Schubert-Phantasie
Luciano Berio: Rendering per Orchestra
Aribert Reimann: Metamorphosen über ein Menuett von Schubert für 10 Instrumente
Hans Werner Henze: Der Erlkönig. Orchesterfantasie aus “Le Fils de l’air”
Hans Zender: Schubert-Chöre 1 – 4 (Carsten Süss, Tenor; Chor der Bamberger Symphoniker, Einstudierung Rolf Beck)
Kurt Schwertsik: Epilog zu “Rosamunde” op. 33

(Quelle: Alfred Beaujean)

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