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Stummfilm und Musik: Der Rosenkavalier

Autor // Matthias Hain
Veröffentlicht in // Allgemein

Der 26. Januar 1911 ging in die Musikgeschichte ein: Im Dresdner Königlichen Opernhaus – wie die Semperoper damals noch hieß – fand die Uraufführung eines Werkes statt, das vom Publikum mit besonderer Spannung erwartet wurde, war doch sein Schöpfer nach den am selben Ort vorangegangenen Skandalerfolgen “Salome” und “Elektra” über Nacht zum berühmtesten Opern-Komponisten seiner Zeit avanciert: Richard Strauss. Nun also hatte seine neueste Oper Premiere – und wurde ebenfalls ein unbeschreiblicher Erfolg: “Der Rosenkavalier”. Fast auf den Tag genau hundert Jahre später nehmen sich die Bamberger Symphoniker des Werkes an. Jedoch nicht in der Bühnenfassung, sondern in der 14 Jahre nach der Oper entstandenen Stummfilm-Version – einem cineastischen Meisterwerk, das die Kenner der Oper verblüffen dürfte.

Der Rosenkavalier-Film ist eines der frühen Beispiele multimedialer Verwertung einer populären Oper. Der Film setzt zwar auf den Wiedererkennungseffekt der Oper, stellt aber doch eine eigenständige Filmkomödie dar. Analog zu den drei Akten der Oper gliedert sich die filmische Erzählung in drei große Einheiten. Dazwischen sind zwei Kriegsszenen gesetzt, die die Welt des in der Oper abwesenden Marschalls vor Augen führen. Er tritt als handelnde Person in Aktion und befördert mit seinem Auftritt vor allem am Schluss die Auflösung der amourösen Verwicklungen, die in der Oper bis zum Ende in der Schwebe bleiben.

Die ersten 70 Minuten des Films folgen den ersten beiden Akten der Oper. Neu dagegen ist das von der Marschallin veranstaltete Maskenfest und der Schluss – eine Mischung aus Verwechslungskomödie und melancholischem Abgesang auf die Vergänglichkeit der Liebe: Octavian kompromittiert Ochs, indem er sich noch einmal verkleidet und Ochs zu einem Rendezvous verführt, das im öffentlichen Eklat endet. Für das glückliche Ende sorgt Annina. Sie bringt die verwirrten Gemüter durch vertauschte Kostüme noch weiter durcheinander, bis auf einen Schlag die richtigen Paare zu einander finden. Nur Ochs hat verloren, er bleibt auf seinen Schulden sitzen und reist unverrichteter Dinge auf sein Schloss zurück.

Vorgeschichte und Umarbeitung der Oper

Hugo von Hofmannsthal selbst hatte ursprünglich die Idee zum Film. Das Projekt wollte er “als eine reine materielle Sache” verstanden wissen. Von Anfang an pochte er darauf, die Filmhandlung nicht auf die Handlung der Oper aufzubauen, ihm schwebte ein romanartiges Drehbuch vor, bei dem die „Figuren der Oper die Dinge erleben, die der eigentlichen Handlung der Oper vorausgehen“. Doch die Produktionsgesellschaft entschied sich, ohne Hofmannsthal zu informieren, für ein anderes Konzept: für einen Film, der eindeutig auf den Wiedererkennungseffekt mit der Oper setzt und doch eine eigenständige Filmkomödie darstellt. Dafür schreiben Ludwig Nerz und der Regisseur Robert Wiene ein neues Szenarium. Bei der Entwicklung des Drehbuchs orientieren sich die beiden Autoren an der Handlung der Oper, die sie in großen Erzählblöcken zusammenfassen.  Die Umarbeitung der Oper in eine Instrumentalfassung nehmen die langjährigen Strauss-Mitarbeiter Otto Singer und Carl Alwin vor: Die Gesangsstimmen werden gestrichen und durch Zusätze bei einzelnen Instrumenten ergänzt. Die Oper wird in ihrer Länge gekürzt, stellenweise im Ablauf umgestellt und mit neuen filmischen Handlungselementen besetzt.

Für die musikalische Illustration der Welt des Marschalls wurde zusätzlich Musik gebraucht, für die das Werk von Richard Strauss reichlich Material bot: den Präsentiermarsch “De Brandenburgsche Mars” von 1905/06, den “Königsmarsch” aus dem Jahre 1906 sowie das dritte Stück der “Lebenden Bilder zu den Feierlichkeiten der Goldenen Hochzeit des Großherzogs und der Großherzogin von Weimar”, entstanden 1892. Der “Militärmarsch in F-Dur” wurde von Strauss eigens für den Film komponiert. Für das Gartenfest griff man auf den “Wirbeltanz” aus der 1923 entstandenen Tanzsuite nach Klavierstücken von François Couperin zurück.

Aus der Figur des Baron Ochs auf Lerchenau schlugen die Filmautoren am meisten Kapital. Ochs zieht sich als unverwüstlich komische Gestalt durch den ganzen Film und muss in einer Szene noch seiner eigenen Persiflierung zusehen, wenn die Übergabe der Silbernen Rose in einem kleinen Freilichttheater nachgespielt wird. Die Figur ist auf dem Jahrmarkt angekommen. Hier zitiert sich der Film gewissermaßen selbst und stellt noch einmal szenisch den vollzogenen Medienwechsel vor – von der Oper in den Film, von der Hochkultur in die Massenkultur, von der Literaturoper in eine Volks-Filmoper.

Die filmische Umsetzung

Die filmische Inszenierung lag bei Robert Wiene und begann am 19.06.1925. Gedreht wurde an zahlreichen Außen-Schauplätzen und in den Studios von Schönbrunn. Wiene war Mitte der 1920er Jahre ein populärer Regisseur, vielbeschäftigt und in allen Filmgenres erprobt, vor allem versiert in der Arbeit mit großen Schauspielern wie Conrad Veidt oder Fritz Kortner. In Michael Bohnen als Ochs auf Lerchenau hatte er einen großartigen Darsteller an seiner Seite, der auf der Opernbühne lange Jahre als die Idealbesetzung der Rolle galt.

Der männliche (!) Film-Octavian, dargestellt von dem französischen Schauspieler Jaque Catelain, hat nichts mehr von der zauberhaften Erscheinung eines Mozartschen Cherubinos, der für die Hosenrolle in der Oper Pate stand. Auch die Besetzung der Rolle der Marschallin mit der jungen Schauspielerin Huguette Duflos nimmt der Figur einiges von ihrer ursprünglichen Reflexionskraft, die die Marschallin in der Oper als eine lebenskluge und melancholisch über das Wesen der Zeit sinnierende Figur hat.

In vielerlei Hinsicht lässt sich Wienes “Rosenkavalier” als Pantomime beschreiben. Insofern rekurriert der Film eher auf die Ästhetik des Stummfilmkinos vor dem ersten Weltkrieg als auf sein eigenes Entstehungsjahr, in dem Filme wie “Panzerkreuzer Potemkin”, “Metropolis” oder “Geheimnisse einer Seele” die Kinowelt revolutioniert haben. Entsprechend zwiespältig war das Echo der damaligen Filmkritik. Wienes Film mag als Film konventionell wirken, doch ist das Film-Bild nur ein Teil des Konzepts. Der andere ist die Musik, die im Zusammenwirken mit den Bildern ein großes erzählerisches Potential entfaltet.

Aufführungspraxis

Das nicht gelöste Problem der Synchronisierung überschattete die Aufführungsgeschichte des Rosenkavalier-Films und brachte das Unternehmen in Misskredit. Die Uraufführung des Films war aufführungstechnisch ein mittleres Desaster, da Musik und Film nicht zu einander passten: Der gedruckte Notensatz entsprach einer frühen Version des Films, der für den Einsatz im Kino noch einmal gekürzt wurde, während die bereits gedruckten Musikmaterialien unredigiert blieben. Eine perfekte Synchronisierung erfuhr der Film erst bei seiner Kinopremiere im Berliner Capitol-Kino, die der erfahrene Kinokapellmeister Willy Schmidt-Gentner leitete. Dass der Film wieder schnell aus den Kinos verschwand, hatte u.a. damit zu tun, dass schon 1929 in den USA eine Tonversion geplant war, für die alle Kopien der stummen Version aus dem Verleih genommen werden mussten.

Der Rosenkavalier-Film als hybrides Produkt war, dem populären Titel zum Trotz, schon in der Stummfilmzeit nicht einfach zu vermarkten und landete unwillkürlich zwischen den Lagern der Hoch- und Massenkultur: der Musikwelt als Film suspekt, für den Filmmarkt wiederum zu sehr mit dem Geruch der Hochkultur behaftet – und in der Rezeption der folgenden 80 Jahre kaum gewürdigt, da der Film nach der Stummfilmzeit nur selten mit der großen Orchester-Musik aufgeführt wurde.

Überlieferung und Rekonstruktion

Die ersten Schritte der Wiederentdeckung des Films lassen sich Ende der 1950er Jahre feststellen, als der damalige Präsident des Österreichischen Filmarchivs (heute Filmarchiv Austria) Joseph Gregor (auch Librettist der späten Strauss-Opern) den Auftrag gab, nach dem Film zu suchen, und tatsächlich im Tschechischen Filmarchiv fündig wurde. Zur Renaissance des Films haben dann später die Aufführungen mit Salonorchesterbegleitung beigetragen, die Manfred Reichert (Dirigent der 1981 erfolgten Salonorchester-Einspielung) leitete, sowie Berndt Heller. Unter seiner Leitung fand im Bundesarchiv/Filmarchiv Anfang der 1990er Jahre eine Filmrestaurierung statt, bei der die Bildfassung der tschechischen Kopie um Sequenzen einer im National Filmarchive London erhaltenen Kopie ergänzt und stellenweise nach der Musik “remontiert” wurde. Es folgten mehrere Rekonstruktionen und die Sichtung der Quellen, so dass schließlich 80 Jahre nach seiner Entstehung die Wiederaufführung des Films in einer befriedigenden Fassung stattfinden konnte – in Dresden, dem Ort der Uraufführung.

28./29.1.2011 | 20.00 Uhr

Konzerthalle Bamberg | Joseph-Keilberth-Saal

Richard Strauss: Der Rosenkavalier

Stummfilm von Robert Wiene mit der Originalmusik von Richard Strauss

Dirigent: Frank Strobel

Konzerteinführung mit Frank Strobel: jeweils 19.15 Uhr (Joseph-Keilberth-Saal), Eintritt frei, Moderation Ulrich Wünschel

Quelle: Nina Goslar, European Filmphilharmonic, FILMPHILHARMONIC EDITION, Film mit Genehmigung von Filmarchiv Austria, Musik mit Genehmigung von Schott Music GmbH & Co. KG; Fotos: Filmarchiv Austria

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