Jan
02

Jubel, Freudentränen, Party

Autor // Matthias Hain
Veröffentlicht in // Allgemein, Auf Tour in China

Es soll ja Leute geben, die gehen nur ins Konzert wegen der Zugaben. Und seien wir doch ehrlich: Ein Konzert, eine Opernaufführung, ein Theaterabend kann noch so gut sein – wenn man den Schluss, die Pointe, “in den Sand setzt”, kann das eine ganze Aufführung zunichte machen. Dies gilt natürlich auch umgekehrt. Wenn ein Konzert rundum gelungen ist und das Publikum bereits “auf den Stühlen” steht, kann die richtige Zugabe den Saal vollends zum Explodieren bringen. So geschehen bei unserem Neujahrskonzert in Shenzhen.
Der Beginn mit Beethovens Coriolan-Ouvertüre war noch eine kurze Reminiszenz an den (ernsten) Abend zuvor. Danach aber gaben unsere Musikerinnen und Musiker unter Jonathan Nott “dem Affen Zucker”: Die Slawischen Tänze von Antonin Dvorak rissen das Publikum zu Beifallsstürmen hin und mittenhinein in die Neujahrs-Feierstimmung. Solcherart musikalisch “vorgewärmt” stand den Zuhörern nach der Pause mit Beethovens Siebter Symphonie ein Par-force-Ritt durch die Emotionen bevor. Vom heiteren, ausgelassenen, Optimismus versprühenden ersten Satz über den erhabenen, sich unter Jonathan Nott wütend aufbäumenden Trauermarsch und dem frech meckernden dritten Satz hin zum schließlich alles Dunkle und Trübe, jeden Zweifel und jedes Zögern hinwegfegenden Finalsatz. Auch so ein Stück, bei dem zurückhaltender Beifall eigentlich ohnehin nicht möglich ist. Wenn es dann aber noch so furios, atemberaubend flink und virtuos dargeboten wird, dann bleibt nur die Frage, wie viele Sekundenbruchteile nach dem letzten Akkord der Beifallssturm losbricht. Es waren nur Hundertstel Sekunden, das Publikum tobte und rief mit Bravos Jonathan Nott immer wieder das Podium.

Jonathan Nott (© Matthias Hain)

Jonathan Nott (© Matthias Hain)

Doch wir wollten ja über Zugaben sprechen und über ihre Fähigkeit, beim Publikum den Regler von “frenetisch” hochzudrehen auf “im Delirium”. Jonathan Nott hatte wohl dosiert und gab zunächst den “Tanz der Komödianten” aus Bedrich Smetanas “Verkaufter Braut”. Das schob die Publikumsstimmung bereits hoch auf die Marke “extatisch”. Dann aber kam der musikalische Coup de grâce: Die zweite Zugabe war das berühmteste, für großes Orchester instrumentierte Volkslied Chinas, gewissermaßen die heimliche Nationalhymne. Und ganz wie im Wiener Neujahrskonzert bei den ersten Takten der “Schönen, blauen Donau” – eine heimliche Nationalhymne auch sie – Applaus aufbrandet, ging auch der Anfang dieser zweiten Zugabe im Jubel und Klatschen und Kreischen des Publikums unter. Und da dieses Stück ohnehin ziemlich auf die Tränendrüsen geht, war ein älteres chinesisches Ehepaar neben mir nicht mehr zu halten und weinte vor Glück. Der Jubel, der nach dem Schlussakkord losbrach, erreichte dann auch erwartungsgemäß delirierende Ausmaße. Ich denke, Beethoven hätte nichts dagegen einzuwenden gehabt…

© Matthias Hain

© Matthias Hain

Nach dem Konzert ging es für das Orchester im Foyer der Shenzhen Concert Hall noch weiter. Aber nicht mit harter Musikarbeit, sondern mit Frank Sinatra aus den Lautsprechern, einem reichhaltigen – auf wundersame Weise nie leer werdenden – Büffet und einem sichtlich glücklichen deutschen Generalkonsul Stefan Gallon, der die Vertreter der deutschen Wirtschaft in Shenzhen sowie die politische Prominenz der Stadt zu unserem Konzert und im Anschluss daran zum Empfang geladen hatte.

Stefan Gallon (© Matthias Hain)

Der deutsche Generalkonsul in Shenzhen Stefan Gallon (© Matthias Hain)

Shenzhen ist ein für deutsche Unternehmen wichtiger Investitionsstandort, wie aus der Rede des Generalkonsuls zu erfahren war. Überhaupt stehe Deutschland in China in hohem Ansehen. Ein anwesender deutscher Journalist, der seit Jahren in China lebt, klärte mich darüber auf, dass aus chinesischer Sicht von “deutscher Wirtschaftskrise” nichts zu spüren sei. Deutsches Knowhow und deutsche Produkte – vor allem natürlich aus den Bereichen Maschinen- und Fahrzeugbau – stünden in China so hoch im Kurs wie nie. Und da denke der praktisch veranlagte Chinese dann eben: Wenn die Autos schon so gut sind, kann die Musik nicht viel schlechter sein. Schließlich erhielt ich auch noch einen Crashkurs in Chinesisch, der die Begeisterung des chinesischen Publikums für alles, was aus Deutschland kommt, wieder eine Spur verständlicher gemacht hat: Das chinesische Wort für Deutschland bedeutet wörtlich “Land der Tugend”…

Ich denke, auch unser “Made in Tugendland” konnte sich an diesem Abend hören lassen… Und so fanden großartige Tage in Shenzhen ihren fulminanten Abschluss. Gedankt sei an dieser Stelle unseren chinesischen Gastgebern, die ständig um uns waren, oft “Mädchen für alles” spielen mussten und immer schnell eine Lösung parat hatten. Deshalb also: Thank you Tallen, Sophie, Judith, Malcolm und Lin. Ihr wart großartig! Wir kommen gern wieder…

© Matthias Hain

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