Jan
31

“Im Zauberkreis der Nacht” – Spätwerke von Wagner, Strauss und Schumann

Autor // Matthias Hain
Veröffentlicht in // Allgemein

“Mein Lebenswerk ist zerstört, die deutsche Oper kaputt geschlagen… meine Werke werde ich auf dieser Welt nicht mehr hören und sehen – ich wollte, Mozart und Schubert hätten mich nach dem 80ten zu sich ins Elysium genommen!” Für Richard Strauss war es eine Qual, noch als alter Mann den zweiten Weltkrieg miterleben zu müssen, der neben dem unermesslichen menschlichen Leid auch die Zerstörung dessen brachte, was Strauss’ geistige, ästhetische und künstlerische Heimat war: die deutsche Kultur. “Ich bin in verzweifelter Stimmung!… Mein schönes Dresden – Weimar – München, alles dahin!” Sein Sohn Franz war es, der ihm riet, das Grübeln zu lassen und stattdessen – wieder zu komponieren. Und so verdankt die Welt einer der fürchterlichsten Menschheitskatastrophen ein Spätwerk von überwältigender Schönheit: die “Vier letzten Lieder”. Im Konzert der Bamberger Symphoniker werden sie gesungen von Sally Matthews, Dirigent ist Robin Ticciati.

Sally Matthews

Die Vier letzten Lieder stellen eine Art musikalisches Vermächtnis von Richard Strauss dar. Sie entstanden 1948, als der Komponist bereits 84 Jahre alt war. Strauss hielt seine musikalische Mission für vollendet und gleichzeitig für verkannt. 1948 riet ihm sein Sohn Franz: “Lass das Briefeschreiben und das Grübeln, das nützt niemandem. Schreib lieber ein paar schöne Lieder”, worauf Strauss zunächst nicht antwortete. Aber nach einigen Monaten übergab er die Partitur an seine Schwiegertochter Alice Strauss: “Da sind die Lieder, die dein Mann bestellt hat.”

Die frühesten Skizzen betreffen das vierte Lied “Im Abendrot” nach Joseph von Eichendorff und stammen aus dem Jahr 1946; für die ersten drei Lieder griff Strauss auf Texte von Hermann Hesse zurück. Nicht um Resignation oder Verzweiflung ging es ihm in diesem Zyklus, sondern um friedliches Abschiednehmen und Einswerden mit der Natur, allem unfassbaren und sinnlosen Grauen steht als Gegenentwurf das Sterben in Würde und Schönheit entgegen.

Ein Spätwerk von ganz eigenem Charakter ist auch Richard Wagners “Parsifal”. Das Einswerden mit Natur und Kreatur, das Mitleid mit allem Elend der Welt und die daraus erwachsende (Selbst-)Überwindung spielen auch hier die zentrale Rolle – was allerdings lange genug gründlich verkannt wurde. Von Nietzsches Bonmot, der “Parsifal” sei Wagners Kniefall vor dem Kreuz, bis zum Bayreuther “Applausverbot” – lang ist die Liste der Missverständnisse, in deren Schatten ganz übersehen wurde, wie “revolutionär” Wagner im “Parsifal” das Orchester einsetzt – revolutionär einfach, aber konsequent seinen Prämissen folgend. Drei Jahrhunderte lang basierte die westliche Musik auf der Vorstellung, dass es zwischen Dur- und Molldreiklängen Verwandtschafts- und Spannungsverhältnisse gibt. Doch dann kam es zu einer kontinuierlichen Erweiterung der Tonalität bis hin zu ihrer Auflösung. Starken Anteil an dieser Entwicklung hatte Richard Wagner; vor allem “Tristan und Isolde” gilt als Muster der “Alterationsharmonik”: Akkordtöne werden chromatisch verändert oder angereichert, woraus sich vielfältige Möglichkeiten der Akkordfortschreitung ergeben. Dagegen ist die Harmonik im “Parsifal” in sich “gefestigter”. Ein Rückschritt? Wollte sich Wagner am Lebensende gegen die von ihm selbst vorangetriebene Entwicklung stemmen? Er hätte das sicher nicht so gesehen. Denn während sich bei anderen Komponisten die Harmonik verselbständigte, behielt sie bei ihm stets eine dramatische Funktion: Im “Tristan” stehen unaufgelöste Klänge für die unstillbare Sehnsucht der Liebenden, im “Parsifal” wollte Wagner den “Kern des Religiösen” verdeutlichen – die Erlösung und Regeneration der Menschheit durch Mitleid. Deshalb herrscht in dem Werk eine sakrale Atmosphäre vor, die Wagner nicht zuletzt durch Einfachheit, durch Dreiklangsharmonien oder klare Kadenzen erreichte.

Robin Ticciati (© Sussie Ahlburg)

Fünf Jahre vor seinem Tod revidierte Robert Schumann seine Vierte Symphonie – auch sie also ein “Spätwerk”. Eine “Symphonistische Phantasie für großes Orchester” nannte er sie danach. Zwar sollte er nach einiger Zeit wieder zu der traditionellen Bezeichnung “Symphonie” zurückkehren, doch verrät sich in diesem Experimentieren mit dem Titel, dass sich Schumann in seiner Vierten wie in vielleicht keiner anderen seiner Symphonien von klassischen Formen und Ausdrucksweisen gelöst hatte. Möglicherweise kündet das Schwanken in der Titelwahl auch von einer gewissen Unsicherheit Schumanns, wie man ein Werk wie die Vierte sinnvoll “auf den Begriff” bringen konnte – ein Werk, in dem der Komponist seine Vorstellungen davon, welche Entwicklungsmöglichkeiten die Symphonie nach Haydn, Mozart und Beethoven noch bot, konsequent umgesetzt hatte. In seinen Grundzügen hat das, was in Schumanns Vierter zu beobachten ist, in der Tat Ähnlichkeiten mit dem, was eine “Phantasie” auszeichnet – Verknüpfung der Sätze durch Querverweise, das Fehlen der “Pausen” zwischen den Sätzen, reduziertes musikalisches Material, das in immer neue Stimmungen getaucht wird. Zugleich verbirgt sich hinter dieser Gestaltung der romantische Künstler, dessen Musik abrupte Wechsel des Charakters, des Tonfalls kennt, der immer wieder traditionelle Formmuster “überformt” und Grenzen verwischt.

3.2.2011 | 19.30 Uhr | Theater Schweinfurt
4.2.2011 | 20.00 Uhr | Konzerthalle Bamberg
5.2.2011 | 20.00 Uhr | Heinrich-Lades-Halle Erlangen

Richard Wagner: Parsifal, Vorspiel zum 1. Aufzug
Richard Strauss: Vier letzte Lieder
Robert Schumann: Symphonie Nr. 4 d-moll op. 120

Dirigent: Robin Ticciati
Solistin: Sally Matthews, Sopran

Quelle: Jürgen Ostmann, Claudia Stahl, Torsten Blaich

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