Jan
01

Böhmische Knödel und ein verrenkter Nacken

Autor // Matthias Hain
Veröffentlicht in // Allgemein, Auf Tour in China

Einige wirken noch etwas verschlafen an diesem ersten Morgen des neuen Jahres, als uns die Busse wieder zur Konzerthalle bringen. Nach dem Ernst des Konzertes vom Vorabend steht nun die Probe zu einem fulminanten Start ins Jahr 2011 an: Slawische Tänze von Antonin Dvorak sowie zweimal Beethoven – seine Coriolan-Ouvertüre und die Siebte Symphonie, die Richard Wagner als “Apotheose des Tanzes” bezeichnete. Also “Alles Walzer” bei unseren Kollegen von den Wiener Philharmonikern am Neujahrsmorgen im goldenen Wiener Musikvereinssaal und Tänzerisches auch von uns, tausende Kilometer entfernt am anderen Ende der Welt, in der roten Concert Hall von Shenzhen.

© Matthias Hain

© Matthias Hain

Wieder führt uns bei strahlendem Sonnenschein die Busfahrt vorbei an teils unglaublich imposanten, teils unsagbar kitschigen Gebäude-Monstrositäten, die so überhaupt nicht passen zu der Musik, die als erstes auf dem Probenprogramm steht: Beethovens Coriolan-Ouvertüre. Ist es die Neujahrsstimmung oder der geradezu deutsch-gründliche Blumenschmuck am Bühnenrand, dass ich bei den ersten Tönen an jenes kongeniale “Dirigat” dieses Stückes von Loriot mit den Berliner Philharmonikern denken muss…? Deutschlands größter Komiker-Satiriker hat einem dieses Werk wohl auf ewig “verdorben”. Aber wie schön verdorben…! Dank Ihnen, Vicco von Bülow!

Juwon Hyun (© Matthias Hain)

Juwon Hyun (© Matthias Hain)

Ob die jüngsten Mitglieder unseres Orchesters jenen Sketch überhaupt kennen? Sie waren zum Teil noch gar nicht auf der Welt, da war Loriot schon “in Rente”. Die Rede ist von unseren Akademisten.

Johannes Vornhusen (© Matthias Hain)

Johannes Vornhusen (© Matthias Hain)

Seit Beginn der Spielzeit 2010/11 haben die Bamberger Symphoniker ihr eigene Orchesterakademie, die jungen Profi-Musikern die Möglichkeit gibt, Erfahrungen zu sammeln, die auf der Hochschule nicht vermittelt werden (können): die kräftezehrende, nervenaufreibende Arbeit in einem Elite-Orchester. Die Musikgeschichte ist voll von hochbegabten Instrumentalisten, die dann jedoch an der alltäglichen Praxis eines Berufs-Orchestermusikers scheiterten: am Lampenfieber, am Zeitdruck, an den tausend Belastungen, die ein solcher Job mit sich bringt.

Yana Luzman (© Matthias Hain)

Yana Luzman (© Matthias Hain)

Dem möchten die Orchesterakademien vorbeugen. Sie sind sozusagen das Bindeglied zwischen Hochschule und Berufsleben. Etliche Orchester in Deutschland haben eigene Akademien. Die berühmteste ist die der Berliner Philharmoniker, gegründet von Herbert von Karajan, der auch hier wieder einmal Pionier gewesen ist. Seit dieser Spielzeit sind nun auch die Bamberger Symphoniker aufgerückt in den Kreis der Orchester, die sich ihren eigenen künstlerischen Nachwuchs ausbilden. Die Bewerbungen waren zahlreich, und zehn Plätze waren zu vergeben. Aber wie bei den “festen” Mitgliedern gelten auch hier dieselben Anforderungen: Wir suchen die Besten, und zur Not bleibt eine Stelle eben vakant, wenn sich der oder die Richtige nicht findet. Deshalb haben wir auch nur sechs Positionen besetzt: Zwei Kontrabässe, zwei Violoncelli und zwei Geigen.

Ruben Hoppe (© Matthias Hain)

Ruben Hoppe (© Matthias Hain)

Sie sind nun für die Dauer von zwei Jahren vollwertige Mitglieder der Bamberger Symphoniker und haben so die Möglichkeit, den besonderen Klang “der Bamberger” kennenzulernen und zu verinnerlichen, Spielweisen zu erlernen, die unser Orchester auszeichnen – mit einem Wort: ein Bamberger Symphoniker zu werden. Und wer weiß: Eines Tages bewirbt sich vielleicht einer der Akademisten auf eine Vakanz in Bamberg. Selbstverständlich erhalten die jungen Musikerinnen und Musiker dabei professionelle Anleitung: Jede Instrumentengruppe wird von einem Tutor betreut, der mit den Akademisten probt, Tipps gibt und auch sonst in allen Dingen Ansprechpartner ist. Und weil wir es mit der vollwertigen Integration ins Orchester ernst meinen, dürfen unsere Akademisten eben auch mitkommen “auf große Fahrt”. So ist dies für einige nicht nur das erste Musizieren in einem Elite-Orchester, sondern auch die erste Reise nach China. Mögen sie noch viele schöne Erfahrungen für ihr künstlerisches Leben bei uns sammeln!

Akademisten (© Matthias Hain)

Vier unserer Akademisten: Ruben Hoppe, Juwon Hyun, Yana Luzman, Johannes Vornhusen (v.l.n.r.) (© Matthias Hain)

Eine unserer Akademistinnen fehlt jedoch heute Morgen. Juwon Hyun, unsere nette Koreanerin. Während die Probe schon in vollem Gange ist, klingelt das Handy. Juwon ist dran. Sie ist krank, sitzt aber gerade im Taxi und ist auf dem Weg zur Konzerthalle. Wenige Minuten später schleppt sich ein Häufchen Elend die Treppe empor. Ihr Nacken ist verrenkt, und sie kann den Kopf kaum bewegen. Daran ist wohl die Klimaanlage im Flugzeug schuld gewesen. So kann man natürlich nicht Geige spielen. Wir rufen unseren chinesischen Projektmanager zu Hilfe, der sich sofort ans Telefon hängt und einen Chiropraktiker ins Hotel bestellt. Daraufhin setzen wir Juwon wieder ins Taxi. Das Neujahrskonzert wird wohl ohne sie stattfinden. Es sei denn, jahrtausendealte chinesische Heilkunde tut auch hier binnen Stunden ihre Wirkung, wie schon bei Zsofia Magyar tags zuvor. Wir werden sehen…

Jonathan Nott (© Matthias Hain)

Jonathan Nott (© Matthias Hain)

“Fetzig” geht die Probe weiter mit Dvoraks Slawischen Tänzen. Wenn das die Chinesen heute Abend nicht von den Sitzen reißt… Schmachtend schön der berühmteste der Tänze, die Nr. 2 aus Opus 72, bei dem Jonathan Nott geradezu mit dem Orchester flirtet. Die Geigen seufzen in höchsten Höhen und holen Prag nach China. Wie pflegt Michael Tilson Thomas zu seinen Musikern in San Francisco zu sagen: Schmalz it up, guys! Die Halle ist wie erfüllt vom Duft dampfender böhmischer Knödel…

Und schließlich noch einmal Beethoven. Die ersten Orchester-Tutti-Schläge wirken geradezu wie eine Affirmation des Neuen Jahres. Ja, es wird gut werden! Wir werden unseren (musikalischen) Teil dazu jedenfalls beizutragen versuchen…

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