Jan
03

An Bord des Ufos

Autor // Matthias Hain
Veröffentlicht in // Allgemein, Auf Tour in China

Am ersten Morgen in Peking steht die Wintersonne nur als blasser Fleck am Himmel. Aber es ist kein Nebel, der die Sicht trübt. Es ist Smog. Nicht so schlimm, wie man erwartet hatte, zugegeben. Aber doch genug, dass der Rachen sich irgendwann pelzig anfühlt und die Nasenschleimhäute sich bemerkbar machen. Auf der Fahrt zum National Center for the Performing Arts, einem der spektakulärsten Konzert-, Oper- und Theaterbauten der Welt, kommen wir durch Viertel, die den ganzen Gegensatz zeigen, der China ausmacht: Größte Armut, Dreck und Hoffnungslosigkeit in armseligen Hütten, alles überzogen mit grauem Staub wie nach einem Vulkanausbruch. Daneben in unmittelbarer Nachbarschaft und Sichtweite: atemberaubende Architektur wie die der Konzerthalle.

Li Biao und Jonathan Nott (© Matthias Hain)

Li Biao und Jonathan Nott (© Matthias Hain)

Der Konzertsaal des National Center for the Performing Arts (NCPA) ist wunderbar. Er erinnert an Säle wie das Kongresszentrum Luzern, das Konzerthaus Dortmund oder die Philharmonie Essen.

© Matthias Hain

© Matthias Hain

Und als wäre die “verkehrte Welt” von draußen auch in die Konzerthalle eingedrungen, stehen hier sogar die Orgelpfeifen auf dem Kopf. Der Saal klingt herrlich. Auf dem Probenprogramm steht unter anderem das Marimba-Konzert des brasilianischen Komponisten Ney Rosauro (geb. 1952), ein effektvolles, rhythmisch vertracktes, ungeheuer mitreißendes Stück. Solist ist der chinesische Perkussionist Li Biao. Daneben stehen heute Abend erneut das Vorspiel zum dritten Akt des “Tristan” und Beethovens Siebte Symphonie auf dem Programm.

Es fällt kein Fahrrad mehr um in China…

Nach dem vorgestrigen Abend in Shenzhen sind vor allem diejenigen, die das erste Mal hier sind, gespannt, wie das Publikum in Peking reagieren wird. Während es für einige Mitglieder des Orchesters, vor allem natürlich für die Akademisten, die erste Tournee nach China, mitunter sogar die erste Auslandstournee überhaupt ist, können dagegen andere auf ein langes Tourneeleben zurückblicken.

Konzertmeister Petru Rosenberg (© Matthias Hain)

Konzertmeister Petru Rosenberg (© Matthias Hain)

Wie beispielsweise Konzertmeister Petru Rosenberg, der seit 30 Jahren bei den Bamberger Symphonikern spielt und sich noch gut an seine ersten Konzerte in China mit dem damaligen Chefdirigenten Horst Stein erinnern kann. “Damals war China noch tiefster Ostblock. Wir waren außerhalb der Stadt in einer Art Studentenwohnheim untergebracht, und die Straßen waren noch voller Fahrradfahrer – ganz wie es dem Klischee entsprach. Heute sind das alles Autos! Das deutsche Sprichwort ‘Das ist so belanglos, wie wenn in China ein Fahrrad umfällt’ hat völlig seine Berechtigung verloren.” Aber auch Rosenberg findet es natürlich wunderbar, dass in den letzten Jahren in China so hervorragende Konzertsäle entstanden sind. “Das gibt den Leuten endlich die Chance, musikalische Bekanntschaft mit den besten Klangkörpern der Welt zu machen. Insofern sollte man gnädig darüber hinwegsehen, dass das Publikum beispielsweise in Shenzhen bei aller Begeisterung eben doch noch nicht wirklich ‘musikkundig’ ist. Aber das wird sich entwickeln. Man musste ja nur in den Saal blicken, um erstaunt festzustellen, wie viele Eltern mit ihren Kindern anwesend waren.” Und wie haben sich die Städte seit seiner ersten China-Reise verändert? “In Peking merkt man schon noch auf brutale Weise, dass dies ein kommunistisches Land ist. Aber eine Stadt wie Shenzhen wäre vor wenigen Jahrzehnten nicht denkbar gewesen.”

NCPA Peking (© Matthias Hain)

Der Konzertsaal des National Center for the Performing Arts (© Matthias Hain)

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