Dez
31

“It’s a miracle…”

Autor // Matthias Hain
Veröffentlicht in // Allgemein, Auf Tour in China

Das erste Konzert in Shenzhen ist vorbei – und war ein großartiger Erfolg! Das Publikum spendete dem Orchester und Jonathan Nott Ovationen und anerkennende Pfiffe wie auf dem Fußballfeld.

Schwer zu sagen, auf welches der Werke das Publikum mit dem meisten Enthusiasmus reagiert hat. Zweifellos war im Vorspiel zum dritten Akt des “Tristan” das Solo des Englischhorns von Zsofia Magyar, die über dem Orchester und noch hinter dem Publikum auf der Orgelempore stand und von dort aus spielte, auch “szenisch” ein Hingucker. Der “Ohrwurm” kam danach: Mozarts g-moll-Symphonie Nr. 40. Auf einmal wippten sogar Kinder im Takt und stolze Väter entpuppten sich als Hobbydirigenten, die – nicht immer nur diskret – “mitdirigierten”.

Jonathan Nott bedankt sich bei Konzertmeister Petru Rosenberg (© Matthias Hain)

Jonathan Nott bedankt sich bei Konzertmeister Petru Rosenberg (© Matthias Hain)

Der Höhepunkt des Abends war aber natürlich die Vierte Symphonie von Johannes Brahms. Schmerzlich-schön, aber ohne Sentimentalität, ließ Nott den ersten Satz musizieren, mit zornigen Fortissimo-Ausbrüchen, den Kämpfen des Lebens, die ein jeder auch 2010 wieder zu bestehen hatte. Trotzig, wie ein ausmusiziertes “Dennoch!” schmetterte der Schluss des Satzes in den weiten Raum. Der zweite Satz bildete den ruhigen Gegenpol – den Fluss des Lebens, das zum Schmerz doch immer auch den Trost bereithält. Und sei es in Form von Musik…

© Matthias Hain

© Matthias Hain

An den ruppigen dritten Satz – ein sarkastisch-bissiges Stück Musik, das Brahms da komponiert hat! – schließt die wundervolle Chaconne an, die zwar auf ein Thema aus Bachs Kantate “Nach dir, Herr, verlanget mich” Bezug nimmt, aber den frommen Wunsch in Brahmsscher Manier umdeutet: Nicht erst im Jenseits, hier und jetzt will ich schon glücklich sein! Mit entsprechend trotzigem Gestus, widerborstig, jähzornig, unbeugsam lässt Nott diesen vielleicht erstaunlichsten aller Brahmsschen Symphoniesätze musizieren. So als wolle er dem Publikum – der Menschheit! – zurufen: Leute, so wie im vergangenen Jahr kann es mit der Welt doch nicht weitergehen! Da tönt in größter Verzweiflung verheißungsvoll kurz vor Schluss das Chaconne-Thema herein im Gewand eines zarten Chorals für drei Posaunen und zwei Fagotte: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Danach noch einmal Aufbegehren, Trotz, Widerspruch – und schmetternder, zorniger Schluss…

Einer jener Schlüsse, wo der Applaus mitkomponiert ist. Und Brahms, der alte Zauberer, verfehlt seine Wirkung nie: Auch das Publikum in Shenzhen explodiert, wie wenn auf dem Fußballfeld der Nationalheld ein Tor geschossen hat. Nach mehrmaligem Verbeugen gibt es dann noch die Ouvertüre zu Mozarts “Hochzeit des Figaro”. So ganz ohne mutmachendes Augenzwinkern wollen wir das Publikum dann doch nicht in den Jahreswechsel entlassen (auch wenn es nach dem chinesischen Kalender gar keiner ist).

© Matthias Hain

© Matthias Hain

Am Nachmittag war Jonathan Nott bei der Pressekonferenz die Frage gestellt worden, die wir oft zu hören bekommen: Wie kann es denn sein, dass in einer Stadt wie Bamberg ein solches Orchester beheimatet ist? Seine Antwort: “It’s a miracle!”

Und das bekamen wir als Reaktion auch vom Publikum und unseren chinesischen Gastgebern nach dem Konzert im Foyer zu hören. “Wonderful… amazing… you are a miracle!”

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