Dez
31

Die erste Probe… und ein krankes Englischhorn

Autor // Matthias Hain
Veröffentlicht in // Allgemein, Auf Tour in China

Schreck am Frühstückstisch: Zsofia Magyar ist krank! Zsofia Magyar spielt Englischhorn. Frage: Wie spielt man das Vorspiel zum dritten Akt von “Tristan und Isolde” ohne Englischhorn? Antwort: Geht nicht! Also muss schnellstens ein Arzt her…

Während sich der Arzt der kranken Musikerin annimmt, fährt der Rest des Orchesters bereits voraus zur Shenzhen Concert Hall. Dort wird die Probe dann erst einmal ohne die berühmte Englischhorn-Stelle stattfinden müssen…

Shenzhen (© Matthias Hain)

Shenzhen (© Matthias Hain)

Auf der Fahrt zur Konzerthalle bekommen wir einen Eindruck von der Mega-Metropole Shenzhen. Überwältigend! Gebäude mit weniger als zwanzig oder dreißig Stockwerken scheinen in dieser Stadt verpönt zu sein. Alles hier ist für europäische Verhältnisse überwältigend: Die Ausmaße, der Verkehr, der Bauboom…

Shenzhen (© Matthias Hain)

Shenzhen (© Matthias Hain)

Die Konzerthalle in Shenzhen zählt zu den besten in China – und damit folgerichtig der Welt. Denn hier wurde an nichts gespart, vor allem nicht an der Akustik. Dass die so hervorragend ist, verdankt die Konzerthalle einem der besten Akustiker weltweit: Yasuhiso Toyota. Ihm sind die Bamberger Symphoniker und ihre Konzerthalle an der Regnitz übrigens sehr vertraut. Zum einen stammen von ihm die akustischen Verbesserungen beim nun eineinhalb Jahre zurückliegenden Umbau der Konzerthalle in Bamberg. Zum anderen hängt sein Herz aus einem besonderen Grund an den Musikern aus Oberfranken: Seine allererste Schallplatte, die er als Kind geschenkt bekam, war eine Aufnahme – mit den Bamberger Symphonikern.

Shenzhen Concert Hall (© Matthias Hain)

Shenzhen Concert Hall (© Matthias Hain)

Die Shenzhen Concert Hall wurde 2006 eröffnet und stammt vom japanischen Architekten Arata Isozaki. Sie verfügt über 1680 Plätze und sieht von außen wie ein riesiges Glashaus aus. Dach und Wände – alles aus Glas. Tragende Wände scheint es nicht zu geben. Eine gotische Kathedrale der Neuzeit. Nur umgekehrt: Durch die Glasscheiben hindurch schimmert der “goldene Baum”, eine aus Stahlrohren und -röhrchen bestehende Konstruktion, die das Ganze trägt und gleichzeitig dem Haupteingangsbereich als “Foyer zum Goldenen Baum” seinen Namen gibt. Gotisches Strebewerk, jedoch im Innern.

Foyer "Goldener Baum" (© Matthias Hain)

Foyer "Goldener Baum" (© Matthias Hain)

Darüber hinaus ist die Konzerthalle natürlich auch ein Symbol für die “Gründerzeit” Chinas: Wie in Deutschland nach 1870 jede noch so kleine Stadt ihr eigenes Theater haben wollte (nicht nur für die Kunst, sondern auch zum “Vorzeigen”), so ist eine Konzerthalle für die chinesischen Städte, die etwas auf sich halten, das sichtbare Symbol, dass man es zu Wohlstand gebracht hat und diesen nun auch mit Kunst genießen möchte. Und weil in Wirtschaftswunder-China das Beste gerade gut genug ist, geben sich in diesen Sälen die internationalen Orchester von New York bis Berlin, von London bis Bamberg die Klinke in die Hand.

Im Innern zeigt der Saal die erstmals von Scharoun bei der Berliner Philharmonie erprobte “Weinbergterrassen”-Form. Die bei Holz und Sitzen vorherrschende Farbe ist rot. Wir sind in China…

Shenzhen Concert Hall (© Matthias Hain)

Shenzhen Concert Hall (© Matthias Hain)

Orgel (© Matthias Hain)

Orgel (© Matthias Hain)

Interessant ist auch die Orgel. Sie ist nicht nur die einzige Pfeifenorgel in Shenzhen. Ihr Prospekt erweist auch dem Land Referenz, in dem sie steht. Bei genauem Hinsehen erkennt man nämlich, dass ihre Form an einen chinesischen Tempel erinnert.

Dann endlich beginnt die Probe und nun werden wir sehen, ob der Saal auch so gut klingt, wie er aussieht. Jonathan Nott betritt das Pult, lässt den Blick kurz durch den gewaltigen Saal schweifen, das Orchester verstummt, die von der Shenzhen Concert Hall geladenen VIP-Gäste lauschen gespannt – und dann gibt Nott den Einsatz. Das tiefe B der Streicher des Vorspiels zum Dritten Akt von “Tristan und Isolde” erfüllt den Saal. Es klingt großartig! Zweimal setzt Tristans verzweifelte Klage an, beim dritten Mal erhebt sie sich in die Höhe, verflüchtigt sich in den ätherischen Klängen der hohen Streicher. Weich setzt das Horn- und Cellosolo ein, seine Melodie schwebt in sanften Schleifen wieder zur Erde hinab, schaukelnd, wie ein Blatt, das vom Baum fällt…

Solobratscher Wen Xiao Zheng (© Matthias Hain)

Solobratscher Wen Xiao Zheng (© Matthias Hain)

Erneut setzt die Streicherklage ein, wieder entschwebt der Schmerz in höchste Höhen… Und da hat unser chinesischer (!) Solo-Bratscher seinen Einsatz und spielt zusammen mit der Klarinette sein ergreifend schönes Solo. Man darf gespannt sein, wie das Publikum heute Abend auf ihn reagieren wird. Mit Stolz, gewiss.

Dann folgt an dieser Stelle eigentlich das lange, herrliche Englischhorn-Solo. Als Nott zu der entsprechenden Stelle in der Partitur kommt, bricht er kurz ab, nennt die Ziffer, an der das Orchester wieder einsetzen soll und lässt das Vorspiel zu Ende musizieren. Denn Zsofia Magyar ist noch immer in ärztlicher Behandlung…

Auf Wagner folgt Mozart. Seine g-moll-Symphonie Nr. 40. Eine Klage auch sie. Während der Mozart-Probe nutzen die Kollegen, die die kleiner besetzte Symphonie nicht mitspielen, die Gelegenheit, durch den Saal zu schlendern und die Akustik kritisch zu prüfen. Man hört von jedem Platz der Konzerthalle aus fantastisch!

Nach der Probenpause folgt die Vierte Symphonie von Johannes Brahms – eines DER Repertoire-Stücke eines jeden großen Orchesters und der Bamberger Symphoniker insbesondere. Zuletzt gastierte die Bayerische Staatsphilharmonie damit beim vergangenen Bachfest in Leipzig. Ein außergewöhnlich ergreifendes Konzert war das damals. Die Probe lässt darauf hoffen, dass es heute Abend ebenso sein wird.

Als die Probe zu Ende ist und alle Musiker schon wieder im Bus zum Hotel sitzen, kommt nun doch noch Zsofia Magyar mit ihrem Englischhorn. Der Arzt hat offensichtlich in kurzer Zeit Wunder vollbracht. Es geht ihr jedenfalls wieder besser und das Konzert ist gerettet. So ganz ohne zu wissen, wie die Akustik im Saal ist, möchte sie am Abend aber dann doch nicht auf die Bühne. Und so erklingt doch noch die traurige Hirtenweise aus dem Vorspiel zum dritten Akt des “Tristan” in einem völlig leeren und schon halb verdunkelten Saal von der Orgelempore herab. Schöner geht es nicht…

Zsofia Magyar (© Matthias Hain)

Zsofia Magyar (© Matthias Hain)

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